Berner Zeitung, 22.02.2001
Briefe, die aus dem Leuchter kamen
Der Kronleuchter im Ständeratssaal
Er strahlte fast ein Jahrhundert lang: der Kronleuchter im Ständeratssaal. Jetzt werden Saal und Interieur renoviert. Bei der Demontage des Leuchters fanden Arbeiter Dokumente aus den Jahren 1926 und 1935.
Von Astrid Tomczak-Plewka
Drei Fotos. Kleinformatig. Etwas vergilbt. Auf dem einen Bild sind zwei Männer auf einem Baugerüst im Gespräch zu erkennen. Im Hintergrund ein Ungetüm von einem Leuchter. Es ist jener Leuchter, der seit dem Bau des Bundeshauses im Jahre 1902 den Ständeratssaal erleuchtet und mit seinen 208 Glühbirnen bis auf den Bundesplatz hinaus strahlt.
Seit 1935 lagen die Fotos verborgen im Stamm des Leuchters, gemeinsam mit anderen, zum Teil noch älteren Dokumenten. Sie waren dort bis zu jenem Tag Mitte Januar dieses Jahres, als der 1,5 Tonnen schwere Leuchter zerlegt wurde. Fünf Männer mussten den 250 Kilogramm schweren Kern, den untersten Teil des Leuchters, die grosse Treppe des Bundeshauses hinuntertragen. Dabei entdeckten sie die Papiere im Leuchter. "Ich stand unten in der Eingangshalle, als mich dle Arbeiter riefen", erinnert sich Monica Bilfinger, Kunsthistorikerin und Projektleiterin beim Bundesamt für Bauten und Logistik. "Die Männer hatten sofort begriffen; dass diese Dokumente; für mich wichtig sein können." Es war für die Kunsthistorikerin eine "tolle Überraschung." Zwar komme es oft vor, dass Baudokumente in Böden eingelegt. werden, aber im im Leuchter "hätte ich es wlrklich nicht erwartet".
Besonderer Arbeitsort
Dass sich die Arbeiter anno dazumal im Leuchter ein kleines Denkmal gesetzt haben, könnte laut Bilfinger mit dem Symbolcharakter des Bundeshauses zu tun haben. "Es war und ist schon etwas Besonderes, in diesem Haus zu arbeiten" sagr Bilfinger. Und tatsächlich: Wenn man auf dem Baugerüst unter der Holzdecke des Ständeratssalls steht und den Blick über die Baustelle gleiten lässt, ist nachvollziehbar, was sie meint. Auch wenn ab und zu ein Natel klingelt und zur Sommersession der Ort in frischem Glanz erstrahlen soll: Die Restauratoren, die hier am Werk sind, arbeiten ohne Hektik, fast so als wollten sie die Ruhe des Ortes nicht stören. Ein Ort für Nostalgiker? Nicht nur. Der Fund im Leuchter brachte die Denkmalpflege auch professionell weiter: "Wir wussten nicht genau, dass in den Jahren 1925/26 und 1935 der Leuchter zumindest teilweise neu elektrifiziert wurde", sagt Bilfinger. Zur Arbeit am Leuchter heisst es im Brief von 1926: "In den alten Drähten waren viele Brandstellen, die sich teilweise tief ins Eisen eingefressen hatten." Die Briefe zeigen aber über berufsspezifische Bemerkungen hinaus was die Schweiz zu dieser Zeit bewegte: "Unsere Unterhaltung dreht sich hauptsächlich um Radio. Im November wurde der Bernersender eröffnet. Jetzt, Ende März 26 sind im Einzugsgebiet 10 500 Konzessionäre." Und dann folgt eine Botschaft an die Nachwelt: "Dem Finder die besten Griisse, A.Steiger, R.Hofer, 26.März 1926."
Eile für den General
Neun Jahre später ist der Ton bereits kämpferischer - und politischer. "Eidgenossen! Berner! Hier oben auf dem von der Maler- und Gipsergenossenschaft erstellten Patentgerüst arbeiten wir drei wie die Neger; denn es heisst hü! hü! man weiss heute nicht was passieren kann und was der ital.-abessinische Krieg nach sich zieht; der Leuchter muss fertig sein, wenn der General gewählt werden sollte..."schrieben die drei Herren E. Hügli, A. Bleuer, W. Zingg. Ihre Bemerkung war allerdings nicht ganz richtig: "Der General wurde sicher nicht im Ständeratssaal gewählt" erklärt Bilfinger. Doch darauf kommt es ihr nicht an. Bilfinger hat einfach Freude an dem Fund, Freude darüber, "dass die Geschichte lebendig ist und weitergeht".
Neue Zeitdokumente
Dafür will die Kunsthistorikerin übrigens auch eigenhändig sorgen. Wenn der Leuchter nach der Reinigung in Luzern wieder an seinem Platz hängt, werden auch die Briefe und Fotos wieder an ihren Ort zurückkommen -
ergänzt mit Zeugnissen der Gegenwart. Was das sein wird? "Das ist das Geheimnis des jetzigen Restaurators."
> zurück zur Übersicht
|