Basler Zeitung 15.02.2002
Der Kronleuchter im Ständerat gibt seine Geheimnisse preis
Von Peter Amstutz
Wer hat den prächtigen, anderthalb Tonnen schweren Schmiedeisen-Kronleuchter mit den 208 Glühbirnen im Ständeratssaal geschaffen, dank dem die Damen und Herren des "Stöckli" seit 99 Jahren nachweisbar über ausreichende Helligkeit für ihr gesetzgeberisches Tun und Lassen verfügen? Vor einer solchen Quizfrage hätte bis vor kurzem jeder noch so belesene Kandidat glatt kapitulieren müssen. Selbst der "Schweizerische Kunstführer" (Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte) belässt es bei dem lapidaren Sätzchen: "Der riesige Schmiedeisenleuchter (...) und die Geländer der Tribünen kommen aus einer Luzerner Kunstschmiede."
Doch nun hat der Leuchter die Geheimnisse seiner Vergangenheit sozusagen selber gelüftet. Weil die eidgenössischen Räte vom 5. bis 23. März in Lugano tagen, wird diese Sessionsverlegung in die Südschweiz seit dem 3. Januar dazu genutzt, um erstmals in der Geschichte des am 1. April (!) 1902 bezogenen Bundeshauses auch den Ratssaal des Ständerats im Parlamentsgebäude für rund drei Millionen Franken aufzufrischen.
Nicht das erste Mal
"Der gusseiserne Leuchter wird erstmals demontiert, gereinigt und neu elektrifiziert", berichtete dazu die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) am 9. Januar dieses Jahres. Eine Premiere in der Geschichte des Nachrichtenwesens ist es wohl eher, dass ein Leuchter gleich selber diese Meldung dementiert. Denn vor wenigen Tagen stiessen die Renovationsfachleute bei der Zerlegung des Leuchterstamms in der Mitte der achtarmigen Konstruktion mit ihren je 24 blütenähnlichen Ornamenten auf Dokumente von Vorgängern.
Somit steht fest: Ein erstes Mal wurde der Leuchter 1925/26 demontiert und teilweise modernisiert, wie die nun die gefundenen handschriftlichen Grüsse der Arbeiter aus der Vergangenheit belegen: "Wir haben uns auf der östlichen Journalistentribüne wohnlich eingerichtet. Unsere Unterhaltung dreht sich hauptsächlich ums Radio. Im November wurde der Bernersender eröffnet. Jetzt, Ende März 1926, sind im Einzugsgebiet 10 500 Konzessionäre."
"Dem Finder die besten Grüsse"
Zum Ständeratsleuchter selber hinterliessen die Fachleute von 1926 folgende Nachricht: "In den alten Drähten waren viele Brandstellen, die sich teilweise tief ins Eisen eingefressen hatten." Mit dem Zusatz "Dem Finder die besten Grüsse" beendeten A. Steiger und R. Hofer am 26. März 1926 ihre nun 75 Jahre später zufällig entdeckte Botschaft an die Zukunft. Neun Jahre später, 1935, stand die nächste Restaurierung des Beleuchtungskörpers an, wie ein weiteres Dokument belegt. Dessen Inhalt im Wortlaut: "Eidgenossen! Berner! Hier oben auf dem von der Maler & Gipsergenossenschaft erstellten Patentgerüst arbeiten wir drei wie die Neger; denn es heisst hü! hü! Man weiss heute nicht, was passieren kann und was der italienisch-abessinische Krieg nach sich zieht; der Leuchter muss fertig sein, wenn der General gewählt werden sollte." Zu ihrer Arbeit bemerkten "E. Hügli, A. Bleuer und W. Zingg", die zu ihrem Bericht sogar noch drei Fotos in den Leuchterstamm legten, eher lakonisch: "Der Leuchter ist ganz neu eingezogen & alles neue Fassungen."
Schillernde Schöpfer
Im Zusammenhang mit der laufenden Saalrenovation ist nun auch der Schöpfer des Leuchters aus dem Dunkel der Vergangenheit hervorgeholt worden. Dazu das Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL): "In der Publikation zur Eröffnung des Parlamentsgebäudes von 1902 wird für die HerstelIung des Leuchters die Firma Schnyder, Luzern, angegeben. Mehr wussten wir bis anhin nicht. Nachforschungen haben nun ergeben, dass hinter dem anonymen Firmennamen eine recht schillernde Künstlerfigur steht: Ludwig Schnyder von Wartensee (1858-1927), Bildner in Eisen und Cyseleur, Chef der Kunstschlosserei Gebrüder Schnyder in Luzern." Dieser Spross einer Innerschweizer Patrizierfamilie unterrichtete 39 Jahre lang an der Kunstgewerbeschule Luzern das Fach "Kunstschmieden". Gleichzeitig war er Inhaber der Kunstschlosserei Gebrüder Schnyder an der Moosmattstrasse in Luzern.
Freude beim BBL
Ludwig Schnyder von Wartensee schuf Tabernakelgitter, Altarleuchter,
Treppengeländer, Portalgitter, Aushängeschilder und eben Leuchter, und seine geschmiedeten Kunstwerke finden sich in der ganzen Schweiz sowie in Südfrankreich und New York. "Somit hat uns der Ständeratsleuchter zu einer höchst interessanten Persönlichkeit aus der Jahthundertwende geführt, freut man sich im BBL. Und in Luzern, offensichtlich absolut zu Recht als Leuchtenstadt bekannt, obliegt es nun dem Atelier Dieter Keller, die Rarität aus Bern so aufzufrischen, dass die Lichtpracht von 1902 wieder voll zur Geltung kommt. Eine persönliche Notiz zu verfassen und im Schmiedeisenwerk für die Nachwelt des 21. Jahrhunderts zu verbergen, müsste eigentlich auch für Keller nachgerade Ehrensache sein.
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